Fahrradtouren als Anfänger – ein ErFAHRungsbericht (Teil 2)

Normalerweise bin ich vor allem innerstädtisch, auf kürzeren und mittellangen Strecken unterwegs. Im Oktober habe ich die Strecke Frankfurt-Köln auf dem Fahrrad absolviert und möchte meine Erfahrungen und Erlebnisse mit Euch teilen.

Zum ersten Teil des Berichtes gelangt ihr hier!

Der zweite Tag

Eine Nacht im Schlafsack auf einer Couch wirkt Wunder! Nach einem schnellen Frühstück schwinge ich mich wieder aufs Rad, will die Strecke des Vortages zurückfahren um zum Rhein zurückzukommen – und verfahre mich. Resigniert konsultiere ich Google Maps und finde schnell zurück zum Fluss, dessen gegenüberliegendes Ufer an diesem Morgen teilweise hinter Nebelschwaden verschwindet.  

Rechtsrheinisch fahre ich auf teils menschenleeren, teils von Radfahrern und Spaziergängern bevölkerten Wegen vorbei an Eltville, Oestrich-Winkel bis Rüdesheim. Der Nebel hat sich mittlerweile verzogen und ich krempel, stilsicher wie ich bin, die Beine meiner Jogginghose, die ich der Jeans vorgezogen habe hoch. Den Rucksack trage ich nicht mehr auf dem Rücken, sondern habe ihn mit meinem Schloss und dem Gepäckträger gesichert. Sitzt, passt, wackelt und hat Luft. Die Regenjacke und den Pullover binde ich ebenfalls daran fest und nutze so den geringen Stauraum so gut es geht aus. Von Rüdesheim geht es mit der Fähre nach Bingen. Die restliche Tour findet auf der linken Rheinseite statt.

Was man mit einem bepackten Fahrrad bedenken muss, ist dass es sich nicht mehr so handhaben lässt, wie ein unbepacktes. So versuche ich das Rad in Bingen zwei Stufen hinaufzutragen, hebe das Rad am Lenker an und verliere beinahe das Gleichgewicht, als sich die deutlich schwerere Rückseite des Rades verselbstständigt.

Die Strecke am Rhein ist schön. Ab Bingen wird es richtig schön. Wunderschöne Natur, Spektakuläre Felsen, Weinreben und an gefühlt jeder Rheinkehre eine Burg oder Festung. Was ich aus dem Zug sehen konnte wird von der Erfahrung des Erradelns bei Weitem übertroffen. Die Radwege sind ebenfalls größtenteils in einem einwandfreien Zustand, dann und wann werde ich von Radlerinnen und Radlern auf Rennrädern überholt, kleinere Grüppchen oder andere Einzelfahrer kommen sich auf den Wegen so gut wie nie ins Gehege. Ich selbst fahre gemächlich. Halte hier und da an, genieße die Sonne auf einer Bank oder gucke mir das Rheintal in Ruhe an. Wenn die Strecke aus unterschiedlichen Gründen einmal vom unmittelbaren Rheinufer abweicht, zeigen grüne Schilder mit einem Fahrrad-Piktogramm die Route an. Viele Hinweisschilder geben Auskunft darüber, wie weit es zum nächsten Ort oder zum nächsten Bahnhof ist. Ein Navigationsgerät wird auf diesem Streckenabschnitt nicht benötigt.

Auch wenn es leichte Steigungen zu überwinden gibt, hält sich das Maß der Anstrengung, selbst für untrainierte Kurz- und Mittelstreckenradler, in Grenzen. Für Pausen gibt es ebenfalls genügend Cafés, Restaurants und Wirtschaften in den Orten und Bänke und Sitzgelegenheiten mit wunderschönen Ausblicken dazwischen.

So wunderschön, dass ich weniger Kilometer mache als geplant. Koblenz werde ich nicht mehr im Tageslicht erreichen können. Da ich jedoch im Voraus keine Unterkunft gebucht habe, ist das kein Problem. Innerhalb weniger Minuten habe ich im Internet eine schöne Pension in Boppard gefunden. Dort gibt es neben einem gemütlichen Zimmer mit eigenem Bad für kleines Geld und einem Frühstück gegen einen geringen Aufpreis auch eine abgeschlossene Garage als Abstellmöglichkeit für mein Fahrrad, auch für größere Radlergruppen. Wenn man nicht wie ich alleine unterwegs ist, ist es jedoch unter Umständen ratsam Unterkünfte bereits im Voraus zu buchen, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Alleine oder zu zweit lassen sich Übernachtungsmöglichkeiten erfahrungsgemäß deutlich spontaner und flexibler buchen. Mein zweiter Tourtag endet mit Dehnübungen für die Beine (die trotz mehr gefahrener Kilometer weniger schwer sind als am Vorabend) und vielen schönen gewonnen Eindrücken.

Der dritte Tag 

Da ich am Vortag weniger Kilometer gefahren bin als geplant, rechne ich nicht damit, dass ich es auf dem Rad bis Köln schaffe. Etwa 115 Kilometer liegen vor mir und ich rechne damit, dass ich für die letzten davon den Zug nehmen werde. Aber zunächst fahre ich einmal los. Von der Pension in Boppard geht es mit Schwung einen Hügel hinab und dann anderthalb Kilometer in die falsche Richtung. Bergauf. Mist. Der Gedanke „Da geht´s bestimmt gleich wieder runter zum Rhein“ gilt sicherlich vielerorts – an dieser Stelle jedoch nicht. Also umdrehen, bergab fahren, viel Schwung mitnehmen und auf nach Koblenz! An diesem Morgen ist es ähnlich kalt und neblig wie am vorangegangenen. Das deutsche Eck mit dem imposanten Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I ist an diesem Vormittag gut besucht. Ich steige ab, schiebe das Rad entlang der Mosel und fahre über die Europabrücke.

Es folgt der am wenigsten schöne Teil der Tour. Statt entlang des Rheinufers lotst mich Google Maps durch ein Industriegebiet, entlang der B9 und der A48. Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich endlich wieder am Rhein an, kurz vor Weißenthurm. Noch etwa 80 Kilometer. Puh. Die nächsten Kilometer werden anstrengend, aber so langsam merke ich: Ich kann es bis Köln schaffen! Ich beiße die Zähne zusammen und trete in die Pedale. Als sich der Nebel endlich gelichtet hat, die Sonne zum Vorschein kommt und ich erneut mit hochgekrempelter Jogginghose und T-Shirt meines Weges radle, kommt der Spaß am Radfahren zurück. Eine kleine Stärkung in Bad Breisig und schon erreiche ich den nächsten Rheinzufluss, die Ahr. Von hier aus sind es noch 57 Kilometer. Ich kann es wirklich schaffen!

Wie viele Kilometer man zurücklegt ist am Rheinufer einfach zu erkennen. Entlang des Flusses stehen Steintafeln, auf welchen der jeweilige Rheinkilometer abgebildet ist, sowie alle hundert Meter eine kleinere Tafel, die die Nachkommastelle der Kilometerzahl angibt. Einerseits lässt sich so der erfahrene Fortschritt schnell nachverfolgen, andererseits gibt es kaum etwas so frustrierendes, wie nach gefühlten acht gestrampelten Kilometern feststellen zu müssen, dass man erst drei Kilometer geradelt ist. Besonders auf der Teilstrecke zwischen Koblenz bis kurz vor Bonn war die Verlockung einfach in einen Zug zu steigen hoch – aber irgendetwas hielt mich davon ab. Willenskraft tritt zwar nicht in die Pedale, aber sie hilft den müden Muskeln enorm.

Vorbei am Drachenfels und dem Siebengebirge, durch den Rheinauenpark und dem Posttower vorbei erreiche ich Bonn. Ab Bonn fährt es sich leichter. Wieso genau kann ich nicht erklären. Alles was ich weiß ist, dass es sich im letzten Sonnenuntergang der Tour deutlich besser fährt als zu Beginn der Etappe. Radfahren ist einfach ein Genuss, ich habe es fast geschafft. Ab Hersel verläuft die Strecke nicht mehr am Rhein entlang, sondern teilweise hinter, teilweise durch die Industriegebiete von Wesseling und Godorf. Und plötzlich bin ich in Köln, jedoch noch immer nicht am Ziel. Auf Godorf folgen Sürth, Weiß und Rodenkirchen, wo ich bei einer letzten kurzen Pause die Kraftreserven für die verbleidende, nur noch einstellige Kilometerzahl aktiviere. Als ich endlich den Dom sehe muss ich Grinsen. Der Ausblick auf die Rheinmetropole im schwindenden Schein der Abendsonne entschädigt für die Reisestrapazen, ebenso wie die Gewissheit, dass ich es mir selbst bewiesen habe. Man muss nicht unbedingt zo Foß no Kölle jon – man kann auch das Fahrrad nehmen.

Das Fazit 

Aus den geplanten 226 Kilometern sind 249 geworden. Ich habe als ich aufgebrochen bin nicht damit gerechnet, dass ich wirklich die gesamte Strecke nach Köln radeln werde – aber es hat geklappt. Und wenn ich das hinbekomme, dann schafft das jede/r! Daher lautet mein Fazit: Bitte nachmachen! Auch wenn am Tag nach der Tour die Beine enorm schwer waren – irgendwie ist der Muskelkater doch nichts anderes als ein Zeichen dafür, dass man einiges geleistet hat. Die Radtour hat Spaß gemacht, ich habe viele neue, wunderschöne Orte entdeckt, die ich mit dem Zug oder dem Auto so nie hätte erfahren können. Die richtige Vorbereitung ist wie ich gelernt habe wichtig. Auch wenn die Strecke recht simpel und gut ausgeschildert ist, kann man darauf nicht bei jeder Tour hoffen. Daher ist eine vorangehende Auseinandersetzung mit der geplanten Strecke wichtig. Natürlich kann man auch einfach drauf losfahren, die Gefahr dass man sich verfährt, oder wie ich eher unschöne und wenig romantische Streckenabschnitte durchfahren muss, steigt dadurch jedoch. Ebenfalls ist an angebrachte Kleidung zu denken. Mit Alltagskleidung oder „normaler“ Sportkleidung ist eine solche Tour zu bewältigen, speziell für das Radfahren hergestellte Kleidung kann den Fahrspaß und das Wohlbefinden jedoch um ein Vielfaches erhöhen. Die aktuelle Witterung sollte bedacht werden, um nicht unnötige Kleidung mitzuführen und den wenigen Platz zu verschwenden, den man auf dem Fahrrad hat. Für intensives Sightseeing sollte die Strecke in mehr Etappen eingeteilt und um ein paar Tage verlängert werden. Während mich einige Baustellen auf den Radwegen zwar im ersten Moment geärgert haben, wurde mir klar dass diese Investitionen bedeuten, dass zukünftige Radfahrerlebnisse nur noch besser werden.

Neben den schönen Erlebnissen hatte die Tour einen weiteren positiven Nebeneffekt: Nach über hundert Kilometern an einem Tag, wirken die fünf Kilometer bis ins Büro wie der reinste Kindergeburtstag, oder? Auch der Wocheneinkauf muss nicht zwingend mit dem Auto durchgeführt werden. Die Satteltaschen haben, wie sich gezeigt hat, ein unglaubliches Fassungsvermögen. Die Tour hat meine Liebe zum Radfahren gestärkt, so viel steht fest. Und nicht nur das: Sie hat mir eine neue, unkomplizierte, gesunde und nachhaltige Art zu Reisen aufgezeigt. Die nächste Tour ist auch bereits in der Planung, obwohl es eigentlich keine neue Tour, sondern die Verlängerung der Strecke Frankfurt-Köln ist: den restlichen Rhein hinab, bis in sein Delta und zur Nordsee.

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