Motivation, Radfahren

In diesem Artikel wollen wir das Thema Geschwindigkeit näher beleuchten und euch einen kleinen Einblick in die Welt der Effektiven Geschwindigkeit geben.

Aussagen wie „In der Stadt ist das Fahrrad das schnellste Verkehrsmittel“ haben wohl schon einige von euch gehört. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) vergleicht in seinem Artikel „Verkehrsmittel im Vergleich“ unterschiedliche Verkehrsmittel mit Blick auf Zeit, Kosten und den CO²-Ausstoß. Des Weiteren wird anhand einer praxisnahen Strecke in Berlin der direkte Vergleich zwischen den Verkehrsmitteln einer Großstadt dargestellt. Hier schneidet das Fahrrad im Zeitfaktor wesentliche besser ab als der Rest (Auto, ÖPNV und zu Fuß).

Basics der Geschwindigkeit

Bereits in der Schule haben wir gelernt was Geschwindigkeit ist:

Wer also weniger Zeit für eine bestimmte Strecke benötigt gilt somit als „schneller“.
So einfach ist das. Oder nicht?

Das Umweltbundesamt liefert hierzu folgendes Diagramm (Quelle: umweltbundesamt.de), welches zeigt, dass das Fahrrad bis zu einer Strecke von 5 Kilometer tatsächlich schneller ist als das Auto. In den Berechnungen wurde ebenso die Zeit berücksichtigt, welche benötigt wird um das jeweilige Verkehrsmittel zu erreichen – also zum Bus laufen oder das Fahrrad aus dem Keller holen.

Nehmen wir die ursprüngliche Gleichung und ergänzen sie durch die zusätzliche Zeit für den Zu- und Abstieg, sieht das Ganze folgendermaßen aus:

Die Zeit als Nenner (Achtung Mathe!) wird nun größer, was wiederum bedeutet, dass die Geschwindigkeit bei gleichbleibender Strecke absinkt. Ein Fahrrad beispielsweise hat zumeist eine geringere Zu- und Abgangszeit als bspw. das Auto oder der ÖPNV.

Doch was ist nun eine „effektive Geschwindigkeit“?

Die Idee einer effektiven Geschwindigkeit wurde bereits vom US-Amerikaner Henry David Thoreau aufgegriffen. In seinem Buch Walden, welches 1854 erschienen ist, verglich er eine Reise mit der Bahn mit einer Reise als Fußgänger. Er kam zu dem Ergebnis, dass er durch die gesparte Arbeitszeit, welche für ein Ticket in der damaligen Zeit aufgebracht werden musste, vor dem Zug am Ziel sein würde. Im Verlauf der Zeit wurde diese Sichtweise immer wieder aufgegriffen – Ivan Illich in Energy and Equity (1974) und auch Ken Kifer (2002, Ken Kifer’s Bike Pages) brachten dann erste Zahlen und Fakten ins Spiel. Paul Tranter beschrieb das Konzept der effektiven Geschwindigkeit (concept of effective speed) erneut und sehr ausführlich (2004).

Die Strecke einer Fahrt ist eine recht unveränderbare Größe, an der in den wenigsten Fällen gerüttelt werden kann. Im städtischen Raum ergeben sich hier eventuelle Vorteile für Fahrradfahrer, welche einen direkteren Weg durch Parks, gesperrte Wege oder entgegen Einbahnstraßen nehmen können, um so die zurückgelegte Strecke im Vergleich zum Auto zu verkürzen.

Die Zeit, welche für die Bewältigung der zurückgelegten Strecke benötigt, spielt jedoch die weitaus größte Rollen.
Hier setzt sich die Zeit aus nicht monetären Kosten (aktiver Transportzeit) und monetären Kosten zusammen. Denn die Arbeitszeit, um die Kosten der gewählten Transportmethode aufzubringen, spielt eine ebenso entscheidende Rolle, wenn es um die effektive Geschwindigkeit geht. Zeit ist also mehr als nur die Dauer der Fahrt! Zusätzlich müssen Arbeitszeit, Zeit für Pflege und Wartung sowie eben auch die Zu- und Abgangszeiten berücksichtigt werden, wenn es um die effektive Geschwindigkeit geht.

Ein Fahrrad verursacht auch Kosten, keine Frage. Nichtsdestotrotz sind die monatlichen Kosten eines Autos wesentlich höher – wenn auch bei weitem nicht immer gleich hoch. Sprit, KFZ-Steuern, Versicherung, Anmeldegebühren, Reparaturen, Strafzettel oder auch Parkgebühren – da kommt schon einiges zusammen. Eine entscheidende Variable bei der Berechnung der effektiven Geschwindigkeit spielt neben den Gesamtkosten deshalb auch der Stundenlohn.

Man könnte folgende kritische Frage stellen:

„Lohnt es sich, jeden Tag eine Stunde mehr zu arbeite, nur um mit dem Auto von A nach B zu kommen?“

Was ist nun alles zur Berechnung der effektiven Geschwindigkeit von Nöten?

  1.  Reisegeschwindigkeit bzw. Reisezeit
  2. Kosten des gewählten Transportmittels (Auto, Fahrrad, ÖPNV)
  3. Durchschnittlicher Lohn
  4. Zeit für Pflege und Wartung (Auffüllen, Waschen, Reparaturen…)

Im Buch City Cycling (2012) finden sich ebenfalls exemplarische Rechnungen von Paul Tranter, welche die effektive Geschwindigkeit für ein Auto in Hamburg aufzeigen. Aus einer durchschnittlichen „klassischen“ Geschwindigkeit von 30.9 km/h wird unter Einbezug aller anderen Zeitfaktoren und Kosten eine effektive Geschwindigkeit von 11.0 km/h. Im Vergleich müsste ein Fahrradnutzer eine durchschnittliche Geschwindigkeit von lediglich 12.1 km/h erreichen, um „schneller“ (im Sinne einer effektiven Geschwindigkeit) als ein Autofahrer zu sein.

Die Erweiterung dieses Konzepts (vgl. Tranter und Ker, 2007) bezieht indirekte Faktoren, wie Umweltverschmutzung und Stau mit in die Kostenberechnung ein, wodurch die effektive Geschwindigkeit des Autos weiter sinkt. Dies ist jedoch nicht leicht zu berechnen und nachzuvollziehen. Jedoch sollten wir in der heutigen Zeit mehr denn je auch diese Faktoren berücksichtigen, welche uns nicht direkt betreffen. Was meint ihr?

Vorteil für Kommunen und Städte in der Verbesserung der Infrastruktur

Einer der wichtigsten Aspekte dieses Konzeptes ist die Gewichtung der Reisegeschwindigkeit. Im Falle des Autos als Transportmittel, ist die Reisegeschwindigkeit (und damit die Reisezeit) nämlich nur ein Faktor, neben dem großen Anteil der Arbeitszeit, welche für die Kostendeckung aufgebracht werden muss. Beim Fahrrad als Transportmittel ist dies umgekehrt – hier bildet die tatsächliche Reisezeit den Großteil des „Faktors Zeit“, die anderweitigen Kosten und damit auch die Arbeitszeit sind vergleichsweise gering.

Für Städte und Kommunen bedeutet dies wiederum, dass eine Erhöhung der Reisegeschwindigkeit bei Autos, durch verbesserte und ausgebaute Straßen, einen geringeren Effekt auf die effektive Geschwindigkeit hat. Beim Fahrrad wiederum bedeutet eine höhere Reisegeschwindigkeit durch Ausbau der Fahrradwege oder Anpassung von Ampelphasen eine drastische Erhöhung der effektiven Geschwindigkeit. Kurzum, eine Investition in fahrradfreundliche Infrastruktur könnte sich von Seiten der effektiven Geschwindigkeit weitaus mehr lohnen, als der immer weitere Ausbau von Straßen im Sinne der Autos.

Quellen

Thoreau, HD (2007). Walden oder Leben in den Wäldern. Übersetzung von Emma Emmerich. Zürich, Diogenes.

Tranter, PJ (2012). Effective Speed: Cycling Because It’s „Faster“. In J. Pucher & R. Buehler (Hrsg.): City Cycling. Cambridge, MIT Press. S. 56-74.

Tranter, PJ & Ker, I (2007). A Wish Called $quander: (In)Effective Speed and Effective Wellbeing in Australian Cities. Proceedings of the State of Australian Cities 2007 National Conference. Adelaide, Australia.

Tranter, PJ (2004). Effective Speeds: Car Costs are Slowing Us Down.  Canberra, Australia: Australian Greenhouse Office.

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